Da war er. Saß einfach nur da. Er war es, auf den ich solange gewartet hab. Der die Antwort auf die nicht gestellte Frage nach dem Sinn des Lebens war. Sein Blick, sein Lächeln, die Art, wie er meinen Namen aussprach, die zarte Berührung seiner Hand. Er war die Vollendung.
Ich war 6 Jahre alt und in der 1. Klasse der Grundschule. Seinen Namen hab ich vergessen. Nachdem er mir auf seinem Kindergeburtstag nicht gebührend Beachtung geschenkt hat, war die Sache auch gelaufen.
Das war wohl die erste Berühung mit dem Thema. Sie ist mir noch oft begegnet, die große Liebe. Immer wieder aufs Neue. Immer wieder lebens- und liebenswert. Immer wieder gescheitert. Mutiert zu Trauer, Wut, Hass und Rachegelüsten. Und zu Schmerzen, die alles betäuben.
Wann hört dieses magische Gefühl der Verliebtheit eigentlich auf, die Realität zu verdrängen? Wie kommt es, dass man einen Menschen, den man geliebt hat, der Freude, Euphorie in uns ausgelöst hat, der uns ein Lächeln auf die Seele zaubern konnte, irgendwann verachtet?
Ist das die Enttäuschung über uns selbst, dass wir nicht in der Lage sind, den Zauber festzuhalten?
Biologisch betrachtet ist verlieben nichts weiter als ein Täuschungsmanöver der Natur: Botenstoffe und Hormone werden ausgeschüttet, vernebeln das Bewusstsein. Unsers vegetatives System wird beeinflusst, vermeintliche Krankheitssymptome wie Appetitlosigkeit, Schwindel, Zittern, Konzentrationsschwierigkeiten treten auf. Alles Illusionen, die der Arterhaltung dienlich sind. Und dann? Was passiert, wenn der Hormonsturm im Körper abflaut? Und vor allem: Warum flaut er denn überhaupt ab? Wofür das ganze Theater?
Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Immer hinterher. Und immer wieder.
Ein guter Freund traf eines Tages seine “Frau für’s Leben”. Er wusste es sofort, dass SIE es war. Sie verbrachten jede freie Minute gemeinsam, sie begleitete ihn sogar zu Geschäftsterminen, weil sie nicht getrennt sein wollten. Eines Tages fragte sie ihn, ob sie ihn denn nicht von der Arbeit abhalte durch ihre ständige Anwesenheit. Darauf antworterte er: “Nicht Du hältst mich von der Arbeit ab, die Arbeit hält mich von Dir ab, weil ich nur mit Dir zusammen sein will.” Das ist für mich die schönste Liebeserklärung, die man dem Partner machen kann. Ihm das Gefühl geben, dass er wichtiger ist als alles andere.
Leider kommt immer wieder der Alltag in die Quere, der uns mit zunehmendem Alter beherrscht und manipuliert. Solange wir nicht in der Lage sind, den Alltag der Magie unterzuordnen wird sich nichts ändern und die magische Illusion wird der Realität weichen.
Es bleibt die Hoffnung in mir, der Glaube an die Illusion. Und die Sucht nach den Hormonen, die uns abheben lassen. Immer und immer wieder.
Und dann wird alles gut.

Verliebt
16. Januar 2010
Ich und Twitter, Twitter und ich
7. Januar 2010Da steh ich also – ein bisschen hilflos – konfrontiert mit dem Phänomen Twitter. Bin ich repräsentativ für diese Community?
Zurück zum Anfang – mein Ding mit der Twittersache.
Es war März, kurz nach meinem 40. Geburtstag, der mich mental in ein tiefes Loch fallen ließ (womit ich das Klischee bediene). Im Job ständig unter Strom, zuhause “alleinerziehend” nicht weniger in Anspruch genommen, gerade eine gescheiterte Beziehung hinter mir. Konfrontiert mit ständigen Selbstzweifeln. Bin ich eine gute Mutter? Werde ich den Anforderungen im Job gerecht? Zu allem Überfluss war ich auch noch aufs Land gezogen, woraus resultierte, dass mein Freundeskreis nicht mehr auf’n Sprung vorbei kam, weil’s eben nicht auf dem Weg liegt. Mein soziales Umfeld war temporär zusammen geschrumpft auf Arbeitskollegen und Familie.
Auf der Suche nach Konversation, nach oberflächlichem Austausch ohne Tiefgang “begegnete” ich Twitter. Nicht zuletzt die Neugier auf dieses viel erwähnte web2.0-Medium, das angeblich Beziehungen scheitern ließ (in den Medien Jennifer Aniston und John C. Mayer) und politische Skandälchen auslöste, brachte mich dazu, mich bei Twitter anzumelden.
Anfangs wusste ich nicht so recht, was ich damit anfangen soll und war etwas hilflos. Das änderte sich schnell.
Ich entwickelte eine Leidenschaft für diese Plattform, hab mich dran gewöhnt, mich mit wildfremden Menschen übers miese Wetter, über Politik, über Gesellschaft, über TV-Sendungen zu unterhalten. Das ging soweit, dass ich gemeinsam mit meinen “unsichtbaren Freunden” Schlag den Raab geschaut und kommentiert hab. Ich nahm teil an Jackos Tod, hab den Wahlkampf verfolgt und eifrig mit diskutiert, …….
Ich verfiel dem Unsinn, diesen Menschen mitzuteilen, dass ich gerade Kaffee trinke, dass ich die Sauce versalzen hab, dass ich ein Glas Wein trinke, dass ich Antifalten-Crème kaufe, dass ich Kopfweh hab, dass ich verliebt bin… Ich hatte das Gefühl, dass da draußen jemand sitzt, der das zur Kenntnis nimmt und hin und wieder sogar seinen Senf dazu gibt.
Ich bin mir dessen bewusst, dass Twitter nicht wirklich was mit meinem mentalen Aufwärtstrend damals zu tun hatte. Das waren andere Faktoren. Aber die Gemeinschaft auf Twitter hat mich begleitet. Und so blöd sich das auch anhören mag: es hat gut getan.
Und alles wurde besser…
Ich hatte nie den Anspruch, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich genieße weitgehend die Anonymität mit Persönlichkeitswert, die Möglichkeit, eine Rolle zu spielen, ohne enttarnt zu werden, ohne mich rechtfertigen zu müssen.
Man darf sich nicht einbilden, wichtig zu sein. Das ist auf Twitter defintiv keiner. Kaum einer wird ernsthaft vermisst, wenn er nicht präsent ist.
Twitter ist eine oberflächliche Gemeinschaft, die vergisst. Das macht die Sache so einfach.
Das ist meine Erfahrung mit Twitter. Ganz subjektiv.
Alles wird gut.

Rechtfertigung?
19. August 2009Die Gesellschaft verlangt das. Die Therapeuten leben davon. Die Medien machen daraus herzzerreißende Geschichten: Das Kindheitstrauma.
Das ist ein sehr wichtiges Thema. Das darf man nicht unterschätzen. An jedem persönlichen Versagen ist schlussendlich das Kindheitstrauma schuld. Der Schulversager, der Dieb, die hysterische Zicke, der Drogenabhängige, der Amokläufer, der Mörder…. sie sind halt irgendwie nicht wirklich schuld. Damit kann man arbeiten. Die Therapeuten haben ihre Daseinsberechtigung.
Ich werde mich jetzt outen. Das ist nicht einfach und auch nicht gesellschaftsfähig. Es ist nämlich so: Ich habe kein Kindheitstrauma. Ich hatte das, was man weitläufig eine “unbeschwerte Kindheit” nennt. Ich bin in einer behüteten Familie aufgewachsen. Vater: Lehrer, Mutter: Einzelhandel, Geschwister: 3. Wir hatten immer ne Menge Haustiere, ein großes Haus auf dem Land, ich hatte mein eigenes Zimmer, Freunde, die bei uns ein- und ausgehen durften. Wir haben Taschengeld gekriegt und sind in Urlaub gefahren. Wir hatten ein Boot und schon verdammt früh einen Farbfernseher. Ich hatte mein eigenens Fahrrad und musste auch nicht die Klamotten meiner Schwester auftragen. Meine Eltern haben nicht geraucht, nicht gesoffen. Nicht mal scheiden lassen haben sie sich.
Ich mach ihnen das nicht zum Vorwurf, sie wussten es damals bestimmt nicht besser. Aber das Päckle, dass Sie mir damit auf den Weg gegeben haben, ist manchmal schwer zu tragen. Man ist so allein auf weiter Flur. Man wird nicht gehört. Kriegt höchstens mal hingeknallt “dass man ja eh nicht mitreden kann”. Da wird das defizitäre Kindheitstrauma schnell zum Erwachsenentrauma. Womit soll ich denn bitte meine miesen Noten damals in der Schule rechtfertigen? Meine Ungeduld mit meinen Mitarbeitern? Meine Beziehungsunfähigkeit? Meine Koffein- und Nikotinsucht? Das permanent wiederkehrende Gefühl, zu fett zu sein?
Und wie kann ich meinem Sohn dieses Dilemma ersparen?

Abschied?
16. August 2009Samstag morgen. Das Telefon klingelt. Meine Mom. Schluchzend. Der Hund ist gestorben. Nachts. In ihren Armen. Die Traurigkeit meiner Mutter macht mir mehr zu schaffen als die Tatsache, dass der Hund tot ist.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind meine Mutter jemals weinend erlebt habe. Bis zum 9. Oktober 1985. Ich war 16. Morgens am Frühstückstisch.
Damals hat auch das Telefon geklingelt. Die Mutter meiner besten Freundin Silvi war dran. Ich hatte im Leben nur diese eine beste Freundin. In der Pubertät ist das sehr wichtig, da sich die Welt um einen dreht. Mit ihr hatte ich den ersten Vollsuff. Damals, in ihrem Zimmer, haben wir eine Flasche Schnaps geleert. Einfach so. Oder aus Liebeskummer? Wer weiß das heute noch. Wir können uns nicht mehr gegenseitig dran erinnern. Das ist schlimm, weil sich Erinnerungen nur manifestieren, wenn sie abgerufen werden können. Mittels Assoziationen. Das ist viel einfacher zu zweit. Oder zu dritt. Aber wir waren ja nur zu zweit. Ich glaube sogar, dass sie daraufhin eine Alkoholvergiftung hatte. Aber auch das weiß ich nicht mehr. Manchmal weiß ich auch gar nicht, ob es meine Erinnerungen sind, oder etwa die von anderen, von gehörtem. Egal.
Damals also. Der 9. Oktober 1985. Ich hatte ein paar Wochen davor meine Ausbildung begonnen. Das ist total unwichtig, aber das fällt mir gerade auf, jetzt wo ich dieses geschriebene Datum sehe. So funktionieren Erinnerungen. Rekonstruktion, nicht Reproduktion.
Das Telefon klingelt. Frau Schmidt will wissen, ob ihre Tochter bei mir ist, da sie doch am Abend noch bei mir war. Ja, Frau Schmidt, sie war da, aber sie ist auf den Bus gegangen und wollte heim. Zumindest glaube ich, dass das so war. Meine Schwester sagt, sie hätte sie heimgefahren. Ich dachte, es war der Bus. Aber auch das tut nicht zur Sache.
Ein Aufschrei meiner Mutter am Frühstückstisch. Sie hat gerade Zeitung gelesen, meine Mutter. Ich glaube ich telefoniere noch mit Frau Schmidt. Ich weiß es aber nicht mehr. Meine Mutter weint.
Erinnerungslücken.
In der Zeitung ein kleiner Artikel, 1-spaltig, kurz. “Tod auf dem Bahnsteig”. Da wurde ein vermutlich ca. 18-jähriges Mädchen vom Zug überfahren, auf ihrem Turnschuh steht “Antje-Maus”, Identität unklar. Wir haben damals noch die Adidas-Schuhe vollgekritzelt. Totale Verschwendung. Ich würde meinem Sohn was erzählen, wenn er das tun würde.
Erinnerungs-Aus.
Alles andere ist nur Gehörtes. Ich glaub nicht mal Gefühltes.
Sie war nicht 18 sondern 14. Mein Vater musste die Tote identifizieren und hat ihren Eltern das schreckliche Bild der vermutlich zerfetzten Leiche erspart. Vielleicht war sie auch gar nicht zerfetzt. Ich denke aber schon, wenn ein Zug drüber gerollt ist.
Die Beerdigung? Ich weiß es nicht. Ich sei wohl dabei gewesen. Abseits gestanden, wie unbeteiligt. Ich war auch unbeteilgt. Ich wurde betrogen. Von meiner besten Freundin. Sie ist gegangen. Sie hat unsere Erinnerungen mitgenommen. Und hat mich nicht mal vorgewarnt.
Jahre später hab ich mir diese Gefühle verziehen. Hab mir selber zugestanden, dass ich jung war und nicht anders konnte, weil das Leben doch mit 16 so wichtig ist. Das eigene, nicht das der anderen.
Abschied konnte ich nie nehmen. Weil ich bis heute nicht weiß, wovon.