h1

Rechtfertigung?

19. August 2009

Die Gesellschaft verlangt das. Die Therapeuten leben davon. Die Medien machen daraus herzzerreißende Geschichten: Das Kindheitstrauma.
Das ist ein sehr wichtiges Thema. Das darf man nicht unterschätzen. An jedem persönlichen Versagen ist schlussendlich das Kindheitstrauma schuld. Der Schulversager, der Dieb, die hysterische Zicke, der Drogenabhängige, der Amokläufer, der Mörder…. sie sind halt irgendwie nicht wirklich schuld. Damit kann man arbeiten. Die Therapeuten haben ihre Daseinsberechtigung.
Ich werde mich jetzt outen. Das ist nicht einfach und auch nicht gesellschaftsfähig. Es ist nämlich so: Ich habe kein Kindheitstrauma. Ich hatte das, was man weitläufig eine „unbeschwerte Kindheit“ nennt. Ich bin in einer behüteten Familie aufgewachsen. Vater: Lehrer, Mutter: Einzelhandel, Geschwister: 3. Wir hatten immer ne Menge Haustiere, ein großes Haus auf dem Land, ich hatte mein eigenes Zimmer, Freunde, die bei uns ein- und ausgehen durften. Wir haben Taschengeld gekriegt und sind in Urlaub gefahren. Wir hatten ein Boot und schon verdammt früh einen Farbfernseher. Ich hatte mein eigenens Fahrrad und musste auch nicht die Klamotten meiner Schwester auftragen. Meine Eltern haben nicht geraucht, nicht gesoffen. Nicht mal scheiden lassen haben sie sich.
Ich mach ihnen das nicht zum Vorwurf, sie wussten es damals bestimmt nicht besser. Aber das Päckle, dass Sie mir damit auf den Weg gegeben haben, ist manchmal schwer zu tragen. Man ist so allein auf weiter Flur. Man wird nicht gehört. Kriegt höchstens mal hingeknallt „dass man ja eh nicht mitreden kann“. Da wird das defizitäre Kindheitstrauma schnell zum Erwachsenentrauma. Womit soll ich denn bitte meine miesen Noten damals in der Schule rechtfertigen? Meine Ungeduld mit meinen Mitarbeitern? Meine Beziehungsunfähigkeit? Meine Koffein- und Nikotinsucht? Das permanent wiederkehrende Gefühl, zu fett zu sein?
Und wie kann ich meinem Sohn dieses Dilemma ersparen?

h1

Abschied?

16. August 2009

Samstag morgen. Das Telefon klingelt. Meine Mom. Schluchzend. Der Hund ist gestorben. Nachts. In ihren Armen. Die Traurigkeit meiner Mutter macht mir mehr zu schaffen als die Tatsache, dass der Hund tot ist.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind meine Mutter jemals weinend erlebt habe. Bis zum 9. Oktober 1985. Ich war 16. Morgens am Frühstückstisch.
Damals hat auch das Telefon geklingelt. Die Mutter meiner besten Freundin Silvi war dran. Ich hatte im Leben nur diese eine beste Freundin. In der Pubertät ist das sehr wichtig, da sich die Welt um einen dreht. Mit ihr hatte ich den ersten Vollsuff. Damals, in ihrem Zimmer, haben wir eine Flasche Schnaps geleert. Einfach so. Oder aus Liebeskummer? Wer weiß das heute noch. Wir können uns nicht mehr gegenseitig dran erinnern. Das ist schlimm, weil sich Erinnerungen nur manifestieren, wenn sie abgerufen werden können. Mittels Assoziationen. Das ist viel einfacher zu zweit. Oder zu dritt. Aber wir waren ja nur zu zweit. Ich glaube sogar, dass sie daraufhin eine Alkoholvergiftung hatte. Aber auch das weiß ich nicht mehr. Manchmal weiß ich auch gar nicht, ob es meine Erinnerungen sind, oder etwa die von anderen, von gehörtem. Egal.
Damals also. Der 9. Oktober 1985. Ich hatte ein paar Wochen davor meine Ausbildung begonnen. Das ist total unwichtig, aber das fällt mir gerade auf, jetzt wo ich dieses geschriebene Datum sehe. So funktionieren Erinnerungen. Rekonstruktion, nicht Reproduktion.
Das Telefon klingelt. Frau Schmidt will wissen, ob ihre Tochter bei mir ist, da sie doch am Abend noch bei mir war. Ja, Frau Schmidt, sie war da, aber sie ist auf den Bus gegangen und wollte heim. Zumindest glaube ich, dass das so war. Meine Schwester sagt, sie hätte sie heimgefahren. Ich dachte, es war der Bus. Aber auch das tut nicht zur Sache.
Ein Aufschrei meiner Mutter am Frühstückstisch. Sie hat gerade Zeitung gelesen, meine Mutter. Ich glaube ich telefoniere noch mit Frau Schmidt. Ich weiß es aber nicht mehr. Meine Mutter weint.
Erinnerungslücken.
In der Zeitung ein kleiner Artikel, 1-spaltig, kurz. „Tod auf dem Bahnsteig“. Da wurde ein vermutlich ca. 18-jähriges Mädchen vom Zug überfahren, auf ihrem Turnschuh steht „Antje-Maus“, Identität unklar. Wir haben damals noch die Adidas-Schuhe vollgekritzelt. Totale Verschwendung. Ich würde meinem Sohn was erzählen, wenn er das tun würde.
Erinnerungs-Aus.
Alles andere ist nur Gehörtes. Ich glaub nicht mal Gefühltes.
Sie war nicht 18 sondern 14. Mein Vater musste die Tote identifizieren und hat ihren Eltern das schreckliche Bild der vermutlich zerfetzten Leiche erspart. Vielleicht war sie auch gar nicht zerfetzt. Ich denke aber schon, wenn ein Zug drüber gerollt ist.
Die Beerdigung? Ich weiß es nicht. Ich sei wohl dabei gewesen. Abseits gestanden, wie unbeteiligt. Ich war auch unbeteilgt. Ich wurde betrogen. Von meiner besten Freundin. Sie ist gegangen. Sie hat unsere Erinnerungen mitgenommen. Und hat mich nicht mal vorgewarnt.

Jahre später hab ich mir diese Gefühle verziehen. Hab mir selber zugestanden, dass ich jung war und nicht anders konnte, weil das Leben doch mit 16 so wichtig ist. Das eigene, nicht das der anderen.
Abschied konnte ich nie nehmen. Weil ich bis heute nicht weiß, wovon.